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Pflegeeltern zu sein ist schön!
 
Pflegeeltern zu sein ist auch anstrengend und geht manchmal an die Grenzen der Belastbarkeit!
 
Warum das so ist, scheint klar zu sein.
Das Pflegekind, das in einer Pflegefamilie lebt, hat in seiner Herkunftsfamilie schwierige Erfahrungen gemacht und ist nun deshalb auch schwierig.
 
Aber warum ist es dann so, dass manche Verhaltensweisen des Kindes nicht nachvollziehbar sind?
Warum fängt es ohne offensichtlichen Grund an zu schreien, macht ständig irgendwelche nervigen Geräusche, wird aggressiv, schlägt, macht Dinge kaputt, stößt wüste Beschimpfungen aus, ist abwesend und nicht ansprechbar, ist sehr ängstlich, hat häufig Alpträume, kann nicht alleine sein ohne Angst zu bekommen verlassen zu werden, rennt einfach weg, hat kein Gefühl für Hunger oder aber hortet Lebensmittel und kann eigentlich nie genug zu essen bekommen.
 
Wahrscheinlich lassen sich diese Beispiele noch viel weiter fortsetzen. Denn so unterschiedlich Menschen sind, so unterschiedlich sind auch ihre Ausdrucksmöglichkeiten.
 
Als Mutter und Vater möchte man sein Kind verstehen und ihm helfen, seinen Weg durchs Leben gehen zu können.
Aber was ist, wenn man sein Kind nicht verstehen kann?
Wenn man sich nicht erklären kann, warum es manchmal so starke Reaktionen zeigt, die für einen nicht nachvollziehbar sind, die in einem ebenfalls zu heftigen Gefühlen (Wut, Trauer, Angst. Aggression.......) auslösen?
Wer vor diesen Fragen steht, will sie auch beantworten, denn im Alltag mit einem Pflegekind geht es nun mal um das Zusammenleben und das soll ja nicht nur anstrengend sein sondern auch schön sein und Spaß machen!
 
Ein anderer Umgang mit dem Verhalten des Kindes
„Verstehen“ und „Einfühlen“ scheinen die Schlüsselwörter zu sein, denn wenn man sein Kind versteht und es gelingt, sich in seine Wahrnehmungswelt einzufühlen, kann man auch anders mit ihm und seinen Gefühlen umgehen, und somit auch mit den eigenen Empfindungen.
 
Viele starke Gefühle, die das Kind uns zeigt, also Gefühle, die auch in uns eine heftige Reaktion hervorrufen, können von früheren Erlebnissen oder Traumatisierungen hervorgerufen werden.
 
Pflegeeltern waren nicht immer mit ihrem Pflegekind zusammen und können oft nur erahnen was es erlebt hat.
Diese starken Reaktionen, die wir mit dem Kind erleben, lassen spüren, dass etwas passiert ist, was das Kind zu solchem Verhalten veranlasst.
Es kann nicht erzählen was war und warum es auf einmal wieder „so aggressiv“ werden muss, es fehlen dafür die Worte! Um so wichtiger sind daher sämtliche Informationen, die wir über das Leben des Kindes bekommen, die vor der gemeinsamen Zeit in der Pflegefamilie stattgefunden haben.
 
Säuglinge und Kleinkinder, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, können sie aufgrund ihrer noch fehlenden Bewältigungsmechanismen viel schlechter kompensieren als Kinder, die schon etwas älter sind. Umso größer ist auch ihre Hilflosigkeit mit den Erinnerungen an Vernachlässigung, Gewalt, Einsamkeit, Hunger, Durst und Angst umzugehen.
Diese Hilflosigkeit kann erklären warum es zu diesen scheinbar unangemessenen Reaktionen des Kindes kommt.
 
Die besondere Ausdrucksweise von traumatisierten Kindern
Wenn es gelingen kann zu verstehen, warum das Kind bspw. nicht bemerkt wenn es hungrig oder durstig wird, sondern anstatt zu sagen: „ich habe Hunger!“ z.B. komische immer wiederkehrende Geräusche macht, wird es dort wahrgenommen wo es sich als Kleinkind befunden hat, nämlich in einer Situation die bedrohlich und unausweichlich war, es hatte Hunger und bekam nichts zu essen!
Was ihm früher gefehlt hat, war das Gefühl von einer erwachsenen Bezugsperson versorgt und gefüttert zu werden.
Wenn man sich diese Situation vorstellt, gelingt es, dem Kind das zu geben was es braucht, nämlich die Versorgung die ihm damals gefehlt hat denn nur so kann es frühe Traumatisierungen be- und vielleicht auch verarbeiten.
Dann könnte man z.B. sagen: “du machst aber viele Geräusche, damit willst du mir sicher etwas sagen. Ich weiß, dass du um diese Zeit immer hungrig bist, ich gebe dir jetzt etwas zu essen und zu trinken, ich versorge dich!“
 
Es ist nicht immer klar, was das Kind mit seinen auffälligen Verhaltensweisen mitteilen möchte, daher sind Gespräche mit Therapeuten oder anderen Fachleuten sinnvoll um sich selbst und das Kind unterstützend begleiten zu lassen. Evtl. benötigt das Pflegekind auch eine Therapie wobei die Pflegeeltern sicherlich schon therapeutisch tätig sind, aber sie sind auch Eltern und können und sollten nicht 24 Std. am Tag in die Rolle eines Therapeuten schlüpfen der ja „die nötige Distanz zum Klienten haben muss“ welche die Eltern nicht haben können.
 
Wer sich noch intensiver mit dem Thema beschäftigen möchte, kann dies unter folgender Internetseite tun. Hier ist ein interessanter Vortrag von Dipl. Psychologin Alice Ebel zu finden.
http://www.agsp.de/html/a73.html

Andrea Seidlitz (Pflegemutter, Sozialpädagogin, Fachpädagogin für Psychotraumatologie)
...gerne können Sie mit mir Kontakt aufnehmen: andrea.seidlitz@pev-collage.eu